Der Künstler über sich

Ich bin Toumaj, Multimedia-Künstler based in Berlin. Unter dem Druck der Pandemie wurde meine Aufmerksamkeit auf die Möglichkeit gelenkt, mich horizontal zu bewegen, meine Mentalität lockerer zu erweitern. Es ist nicht mein Naturell, unter Druck zu sein / zu arbeiten; eine Lebensform ist es in keinem Fall. Ich kann das ertragen, aber nur aus dem Grund, weil ich mir für die Allgemeinheit wünsche, irgendwann einmal frei zu sein.

Der Künstler über das Werk

Unter der Maske ist das Leben still, die Augen sind im Zweifel, in Hoffnung, wie es die Sterne tun; unter der ewigen dunklen Nacht.

LOT1 über das Werk

Der Künstler Toumaj Zeraati porträtiert sich auf dieser Zeichnung selbst. Er trägt eine Schutzmaske. Seine Augen beschreibt der Künstler selbst als „in Zweifel“, das Leben unter der Maske als „still“. Es handelt sich um ein Werk, das mit aller Offensichtlichkeit die Zeit des Lockdowns hervorgebracht hat.

 

Eine Zeit, die er nach eigener Aussage viel zuhause verbracht hat, aber auch dazu nutzte seine Arbeit auf eine bisher nicht veröffentlichte Kinderserie zu konzentrieren. Zudem sind verschiedene Porträts von seiner Freundin und sich selbst entstanden, zu denen dieses Werk zählt. Was es ausdrückt, ist der in der Zeit des Lockdowns ausgeübte starke Druck, der die Freiheit des Künstlers ebenso wie unsere beschnitten hat, die ihn in seinem künstlerischen Schaffen ebenso wie uns in unseren Tätigkeiten eingeschränkt hat.

Wir haben uns nicht zuletzt aus diesem Grund für sein Selbstporträt mit der allgegenwärtigen Corona-Schutzmaske entschieden, das als Ergebnis der Pandemie den Konflikt zwischen einerseits künstlerischer Produktivität und Ideenfindung, einem kreativen Heilungsprozess und der Möglichkeit zur Krisenbewältigung sowie andererseits der bedrückenden Enge, welche uns physisch wie geistig auferlegt wurde und jeden menschlichem Austausch, das kulturelle Angebot und kreative Wechselwirkung, alle individuellen Unterschiedlichkeiten bedenkend, zumindest völlig neu zu arrangieren veranlasste und in jedem Fall folgenschwer beeinflusste.

Das Selbstporträt ist eine direkte Konfrontation ebenso wie es zum Dialog herausfordert; mit uns und unseren Mitmenschen über die viel diskutierten Wechselbeziehungen unserer Zeit, Recht und Freiheit, Verpflichtungen und Einschränkungen und damit von Rücksichtnahme über Selbstbestimmung und Verständnis bis zu Einfühlung brisante Themen aufgreift.

 

Richten wir zuerst den Blick auf den in Bleistiftzeichnung ausgeführten Teil. Toumaj Zeraatis Selbstporträt zeigt seinen aus dem Nichts heraus entstehenden, die Mitte des Bildes einnehmenden Kopf. Wie feine Nackenhaare heben sich parallele Linien vom Hals ab, der um den Kehlkopf durch eine Schattenfläche an unbestimmbarer Form gewinnt und überleitet zu dem intensiven Blick, der über die Maske links an uns vorbeischaut oder uns vielleicht doch anvisiert. Gerahmt werden die Augen durch schwere Brauen und tiefe Lidfalten. Der Schattenwurf hier ist jedoch im Bereich der Nasion sowie auf einen sacht eingefügten Hof der Schläfe beschränkt, womit ein starker Hell-Dunkel-Effekt entsteht. Alles der menschlichen Figur Zuzuordnende ist in diesem Hell-Dunkel der Bleistiftzeichnung mit gezieltem Einsatz von Schattenwürfen ausgeführt. Das lockige schwarze Haar lässt den Blick frei auf das Ohrläppchen, welches einen übergroßen Schatten wirft, und strukturiert sich aus breiten Strichen, wirkt teils jedoch wie ausradiert oder entbehrt jeder Ausführung. Alles dies gehört zu Toumaj Zeraatis Verfahrensweise, bestimmt die gesamte Zeichnung, und macht die Kopfstudie allein dadurch zu einem intensiven Blickerlebnis, das uns mit einem kritisch schauenden jungen Mann konfrontiert.

 

Farbigkeit hält von oben ins Bild Einzug, in Form zweier stechender Grüntöne, einem Hellblau und einem Meergrün. Auch diese Farben werden durchbrochen durch den Bildgrund, das Papier. Ein semantisch stark aufgeladenes Blutrot ist um das Ohr herum zu sehen, kaum sichtbar, umso prägnanter und von unmittelbarer Wirkung jedoch im Bereich der Mundpartie. Ölfarbe und Bleistiftzeichnung treten in eine ästhetische Wechselwirkung, die der Künstler zu einem Zeigen bei eigentlichem Verbergen ausformt.

Der Blick über die Maske hinweg, die sehr wesentliche Bereiche des Gesichts verdeckt, mündet im Alltag darin, die Gefühlsregungen des Gegenübers kaum und in jedem Fall verfälscht wahrzunehmen, ein Effekt, der hier auf ganz neue Weise aufgeladen wird. Die stattfindende Sichtbarmachung des Gesichts unter der Maske nicht darauf gerichtet, Emotionen oder andere Effekte einer Vermenschlichung zu erzielen, sondern vielmehr darauf, das Gesicht zu einer grotesken Erscheinung werden zu lassen, die unsere Phantasie zu konkreten Reaktionen anzuleiten vermag. Naheliegend ist der Gedanke das Rot als eine Markierung des Virus zu verstehen, welches durch die Berührung seiner Finger an die um die Ohren gelegte Schlaufe gelangt ist. Durch diese Konfrontation entsteht ein Dialog, der durch den Gegenblick des Protagonisten an Eindringlichkeit gewinnt. Wie ist unsere Umgehensweise mit dem Virus, wie die des Dargestellten? Damit thematisiert das Bild das Verhältnis von Darstellung und Wirklichkeit, von dargestellter Person und eigenem Ich, Darstellbarem und Sichtbarem, das im Sinne einer Verhandlung künstlerischer Gestaltgebung, die implizit mit unserer technisierten Welt in Berührung tritt wie auch sehr direkt mit unseren Ängsten, Vorurteilen oder Bewältigungsstrategien.

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Audioguide T. Zeraati
00:00 / 02:35

Titel:

Inside Outside

Monoprint auf Papier einer mit Ölfarbe ergänzten Zeichung
30 x 40 cm​

2021

Zu den Kinderserien des Künlsters:

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