Der Künstler über sich

Ich bin getrieben, habe versucht meinen künstlerischen Prozess zu perfektionieren. Man kann virtuos malen, aber den Prozess kann man nicht erzwingen. Er spielt sich irgendwo zwischen Loslassen und Festhalten ab und selbst diese Worte können ihn nicht einfangen.

Das fasziniert mich.

 

Ich Träume eigentlich den ganzen Tag und das, was ich Träume, versuche ich zu erschaffen. Manchmal Träume ich mit dem Kopf, manchmal mit den Augen, dann beobachte ich und sehe in Dem, was ich sehe, mehr als Das, was ich augenblicklich sehe, sauge es auf und lasse mich stimulieren. Manchmal Träume ich mit den Händen, dann erschaffe ich im Augenblick und ich sehe das, was meine Hände schon wissen.

 

In meiner Kunst setze ich mich mit Formen und Phänomenen der Natur auseinander. Meine Lichtinstallationen denken zu Ende, was ich mit den Augen geträumt habe. Ich genieße vor allem das Wechselspiel der Disziplinen und ich liebe sie Alle. Ich könnte keine Lichtinstallation machen, ohne mit Beton und Glas zu experimentieren, könnte nicht malen, würde ich nicht durch meine Fotografie die Natur und den menschlichen Körper so genau studiert haben.

Manchmal fühlt es sich an, als würden die verschiedenen Disziplinen sich in meinem Kopf ein Wollknäuel zuwerfen, das dann im Laufe der Jahre und des Prozesses zu einem wunderschönen Spinnennetz wird.

Der Künstler zum Werk

Den künstlerischen Prozess als Reise begreifen. Die Verlockung als Probe. Stimulation zulassen,

ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren. Das ist Sirène.

LOT1 zum Werk

Alexey Aghabeygis Sirene zeigt sich uns als Torso, Kopf und Beine fehlen, die Arme jenseits der Ellenbogen verschwinden hinter dem Rücken. Den Sinnakzent der vielfach beschworenen und ebenso verführerischen wie tödlichen Sagenfigur verschiebt der Künstler von der bezaubernden Stimme, die singend jeden in den Liebeswahnsinn führt und ihrem Willen beugt, hin zu einer rein körperlichen Erscheinung. Ebenso kopf- wie stimmlos, um weit mehr als nur ihre Extremitäten beraubt also ist es allein ihr Körperausschnitt, der uns Voyeure in ihren Bann schlagen muss. 

Die erotische Wirkung dieses an eine Statue erinnernden Akts formt durch das Nebeneinander von Konkretion und Abstraktion des Naturvorbilds eine ästhetische Paradoxierung aus. Nacktheit veräußert sich in diesem Verfremdungsvorgang immer als eine Projektion, als eine nur imaginierte Wirklichkeit also, welche uns das Bild in seiner Eigenwirklichkeit eingibt. Die Figuration des Torsos ist Anreiz und Appell, das einmal in Form eines erotisierten Körpers wie andererseits als eine Aufspeicherung von Einschreibungen und Referenzen. Dieses ästhetisch ambivalente Vorgehen, drückt eine Gleichzeitigkeit aus von Ähnlichsein und Anderssein, von Körperlichkeit und Entkörperlichung, Tiefe und Fläche, Präsenz und Absenz. Einige Beobachtungen sollen das nachvollziehbar werden lassen.

Die wuchtige Flächenpräsenz der sich deutlich abzeichnenden groben Armpartie links im Bild steht in offensichtlicher Differenz zum weichen Schwung der Hüfte, des gegenüberliegenden Arms und der schmalen Taille, die eine räumlichen Präsenz des Körpers hervorbringen. Ähnliches lässt sich im Brustbereich feststellen, denn während die eine Brust mittels geschwungener Linienführung wiederum eine körperliche Präsenz erzeugt, wirkt die andere auf Grund ihrer ausladenden Rundung kaum dem Rest des Körpers zuzurechnen. Und doch fügt sie sich eben nicht, die Figur damit zerfallen lassend, als abstrakte Fläche, die sie ja letztlich ist, ins Bild, sondern erscheint uns als ein Körperteil. Die gleiche Überzeugungsleistung, die sich im Appell an uns den Torso zu vervollständigen ausdrückt, kommt auch hier zum Tragen, denn wie unsere Rezeption zum Hinzusehen fehlender Körperteile angeregt wird, leiten unsere Seherfahrung gleichsam dazu an, das Gezeigte durch Eigenschaften und Bewegungen zu nichts anderem als einen Körper zu strukturieren.

Einen wesentlichen Beitrag daran hat die Wahl und der Umgang mit Farbe. Vor allem über sie konfigurieren Bauch-, Brust- und Schulterpartie sowohl zu separierten, je unterschiedlich behandelten Körperpartien wie ebenso und darüber hinaus insgesamt zu einem Torso. Nicht als neutralen, sondern als aktiven Protagonisten bringt der Künstler den Hintergrund in dieses Zusammenspiel mit ein. Indem der Hintergrund auf der vordersten Ebene des Körpers, dem uns zugewandten Nippel, gezeigt wird, hebt sich allein in diesem Detail alle eigentliche Körperlichkeit auf. Sie verklärt sich, weil höchste und tiefste Ebene ineinander gerückt sind. Ebenso führt das umschlagende Changement von Türkis und mehr noch die prägnanten Blattsilberlinien zusammen mit dem blauen Schellack, die gesamte Darstellung zusammen und bringt Bildgrund und Bildfläche unmittelbar zueinander. Zugleich aber ist der Torso deutlich zu unterscheiden und wie schwebend arretiert eben vor dem Hintergrund und evoziert weiter eine räumliche Illusion von körperlicher Gegenwart. Die Qualität des Blattsilbers ist es, beides zugleich zum Ausdruck zu bringen. Ins Poröse umschlagend spricht es einerseits unsere Haptik an, schafft Nähe und Greifbarkeit, andererseits begreift es sich als bloße Materialoberfläche, die sich unbegreiflich in seiner Verortbarkeit der Darstellung aufsetzt. Die Anziehungskraft dieser Sirene liegt darin, unseren Blick zu bannen, und damit eine Bildsemantik anzustimmen, die nicht durch die Stimme, sondern durch die bildliche Erscheinungsweise der Figur davon abhält wegzusehen.

*Der Text ist vor der Reproduktion des Werkes entstanden, genauer am Computer. Wir hatten das Original bis dato nicht gesehen, uns jetzt aber entschieden, diesen ursprünglichen, unüberarbeiteten Text online zu stellen, um ein Bewusstsein zu schaffen für die Unterschiede zwischen Original und Abbildung. Das Bild hat im Original eine grundsätzlich andere Wirkung die Reproduktion (Walter Benjamin hierbei nur mitdenkend), vor allem indem das Material das einfallende Licht reflektiert.

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Audioguide A. Aghabeygi
00:00 / 02:26

Titel:
 

Sirène

Blattsilber, Acryl, Shellack auf Karton

70 x 46 cm

August 2021

website:
www.alovagh.de